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Zur Geschichte der DGM

 

 

Der Weg der Metalltechnik und der Metallkunde  

Zur Zeit der Gründung unserer Gesellschaft standen die Metallwerke, vom metallkundlichen Standpunkt aus betrachtet, noch weitgehend auf der Stufe, wo erfahrene Meister aus langjähriger Beobachtung heraus den Ablauf der technischen Vorgänge mit sicherem Gefühl bestimmten. Zögernd, aber unaufhaltsam setzte sich demgegenüber die auf exakten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende, vom Verstand gelenkte Technik durch. Heute ist eine Erfolg versprechende Betriebsführung nur unter weitestgehender Heranziehung des wissenschaftlich Erreichten und unter dessen organischer Eingliederung in den Fabrikationsgang möglich. Hierauf hat Ulrich Raydt, Direktor der Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerke und Schüler Gustav Tammanns, als Vertreter der praktischen Technik unablässig mahnend, die Bestrebungen unserer Gesellschaft fördernd, hingewiesen. In der Tat, auf Schritt und Tritt, dem Betriebsingenieur vielleicht nicht einmal bewusst, werden heutzutage beim Gießen, Pressen, Walzen, Ziehen, Glühen Maßnahmen deutlich, die in der methodischen Forschung ihren Ursprung haben.

Und doch hegen manche Praktiker noch immer eine gewisse, und, wie zuzugeben ist, durchaus begründete Skepsis gegenüber der Wissenschaft. Einmal, weil die betrieblichen Vorgänge so komplex und zwangsläufig sind, dass sie schwer überschaubar sind und bisher nicht immer in die Einzelschritte zerlegt werden können, die der Wissenschaftler für eine quantitative Erfassung braucht. Die Wissenschaft kann also gerade auf manche den Techniker bewegende Fragen nicht immer eine befriedigende Antwort geben. Zum anderen wird mit Fug und Recht auf solche Entwicklungen hingewiesen, die auf keinen wissenschaftlich begründeten Vorhersagen beruhen. Auch heute noch sind z. B. manche technisch wertvollen Legierungen nicht selten das Ergebnis empirischen Probierens, und die Wissenschaft erklärt erst nachträglich, warum ihre Eigenschaften im Hinblick auf ihre Verwendung so vorzüglich sind.

Indessen ist nicht zu verkennen, dass die wissenschaftliche Methode mehr und mehr ausschlaggebenden Einfluss auf technische Lösungen im Bereich der Werkstoffentwicklung gewinnt. Dieses ist überall da der Fall, wo neuentdeckte Erscheinungen oder theoretische Vorstellungen die Grundlage angeben, wie etwa bei den Legierungen mit Formgedächtnis, oder wo mit äußerster Präzision durchgeführte Untersuchungen erst Aufschluss über die wirklichen Eigenschaften technisch wichtiger Metalle ergeben, wie etwa die rechnergestützten Untersuchungen über die Phasenbeziehungen in komplexen Vielstoffsystemen, wie sie den meisten Massenwerkstoffen zugrunde liegen.

Die Metallkunde hat an den deutschen Hochschulen vorwiegend zwei Quellen. Die eine ist gekennzeichnet durch den Namen Emil Heyn, die zweite durch den Namen Gustav Tammann. Emil Heyn hat an der Bergakademie in Freiberg/Sachsen studiert und bekam nach praktischer Tätigkeit in der Eisenindustrie einen Ruf an die Kgl. Mechanisch-Technische Versuchsanstalt in Charlottenburg, das spätere Kgl. Materialprüfungsamt in Berlin-Dahlem. Zugleich erhielt er eine Professur für allgemeine mechanische Technologie an der Technischen Hochschule Berlin. Heyns Aufgabe im Materialprüfungsamt bestand zuerst darin, das von Adolf Martens in Deutschland eingeführte "neue Untersuchungsverfahren der Metalle und Legierungen auf mikroskopischem Wege", das in England sich in der Hand von H.C. Sorby als so erfolgreich erwiesen hatte, auszubauen.

 
Gustav Tammann  

Der Titel einer seiner weitverbreiteten Druckschriften "Die Metallographie im Dienste der Hüttenkunde" lässt besonders deutlich seine bewusst vertretene Auffassung erkennen, wissenschaftliche Erkenntnis für die Praxis nutzbar zu machen. Diese Absicht lässt sich auch deutlich aus dem Inhalt seiner zahlreichen, oft grundlegenden Arbeiten entnehmen. Wir können seine Arbeitsweise etwa beschreiben als wissenschaftlich fundiert, technologisch orientiert. Diese Art der Forschung wurde vor allem an der Technischen Hochschule Berlin von Heinrich Hanemann und später von dessen Schülern, unter anderem Wilhelm Hofmann, weiter gepflegt. Der von Hanemann und Angelika Schrader herausgegebene Atlas Metallographicus ist ein Hilfsmittel für den Ingenieur in der Versuchsanstalt.

Ein ganz anderer Impuls ging von der Universität Göttingen aus. Hier begann Gustav Tammann 1903 als anorganischer Chemiker das chemische Verhalten der Metalle untereinander zu studieren. Tammann-Ofen, Tammann-Tiegel und -Thermoelement wurden zur heute noch gültigen Ausrüstung zur experimentellen Ermittlung der Zustandsdiagramme. Als Tammann dann zur Physikalischen Chemie überwechselte, wandte er sich auch den anderen Problemen des metallischen Zustands zu. Es beschäftigten ihn die zentralen Fragen der plastischen Verformung, der Verfestigung, der Rekristallisation. 1914 erschien in erster Auflage sein Lehrbuch der Metallographie, das einen Überblick über das gesamte Gebiet gewährt. In der Folgezeit gibt es kaum einen Bereich der Metallkunde, den er nicht angerührt und oft durch Ansätze von genialer Einfachheit befruchtet hat. Ihm zu Ehren stiftete die Deutsche Gesellschaft für Metallkunde 1973 die Tammann-Gedenkmünze, die an Mitglieder verliehen wird für den Aufbau oder die Leitung wissenschaftlicher oder technischer Arbeitsgruppen, mit denen sie bedeutende eigene Forschungs- oder Entwicklungskonzepte verwirklicht haben. Von Tammanns Arbeitsweise können wir sagen, sie sei Stoff-gebunden, wissenschaftlich orientiert.
Zwei bedeutende Persönlichkeiten haben also an der Wiege unserer Wissenschaft gestanden, der Hüttenmann und Ingenieur Emil Heyn und der Physikochemiker Gustav Tammann. Heyn wurde von seinen Zeitgenossen sehr hoch geachtet ob seiner bahnbrechenden wissenschaftlichen Leistung, seiner hervorragenden geistigen Fähigkeiten, wie auch als Mensch wegen seiner Rechtschaffenheit und Selbstlosigkeit. Sichtbare Zeugen seines organisatorischen Wirkens sind die Gesellschaft für Metallkunde und das Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Institut für Metallforschung. Von seiner Persönlichkeit ist wegen seines frühen Todes im Jahre 1922 kein unmittelbares Bild geblieben. Wohl aber hat unsere Gesellschaft seine ungewöhnlichen Verdienste durch die Stiftung einer Heyn-Denkmünze gewürdigt, die als ihre höchste Auszeichnung für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Metallkunde vergeben wird. Diese Denkmünze wurde als erstem Gustav Tammann verliehen. Tammann war eine ursprüngliche Persönlichkeit, die auf alle, die mit ihr in Berührung kamen, einen unvergesslichen Eindruck gemacht hat. Er war Balte und in seinem Benehmen in mancher Hinsicht originell, so dass die Erinnerung an ihn in vielen Anekdoten, die geradezu zur Geschichte der Deutschen Metallkunde gehören, wachgehalten wird.

 

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