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Zur Geschichte der DGM

 

 

Die Anpassung der DGM an den Fortschritt in Wissenschaft und Technik

Es sind Hüttenleute und Ingenieure gewesen, die näheres über die von ihnen erzeugten oder benutzten metallischen Werkstoffe wissen wollten, und Vertreter der anorganischen und physikalischen Chemie sowie Physiker, die die Metallkunde zu einem Wissensgebiet eigener Prägung entwickelt haben.

Die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte, die die weitere Entwicklung prägen, waren einmal mit der Entdeckung der zahlreichen, bisher unbekannten Phänomene, die bei Legierungsbildung sowie der mechanischen und thermischen Behandlung der Metalle und Legierungen auftreten, erfüllt. Ihre Darstellung war vorwiegend beschreibender Art. Durch die von Max von Laue 1912 gefundene Beugung von Röntgenstrahlen an Kristallgittern war der Metallforschung aber zudem ein Untersuchungsverfahren an die Hand gegeben, die atomistischen Grundlagen verschiedenster Erscheinungen aufzudecken. In dieser Richtung hat sich im Bereich der Nichteisen-Metalle vor allem das Kaiser-Wilhelm-Institut für Metallforschung in Berlin-Dahlem Verdienste erworben.

Mitte der dreißiger Jahre haben sich dann zentrifugale Kräfte bemerkbar gemacht, insofern als Physiker und Physikochemiker, aber auch Kristallographen, sich einzelner Gebiete der Metallkunde angenommen und sie mit dem ihnen eigenen Rüstzeug zu Spezialdisziplinen ausgebaut haben. Deutung und Erklärung der Erscheinungen aus Grundprinzipien treten in den Vordergrund. Die Metallkunde konsolidiert sich damit als eine Wissenschaft im eigentlichen Sinn.

Vor allem die Physik hat in diesem Stadium durch die theoretische Konzeption und den experimentellen Nachweis von Fehlstellen, atomistische Gesichtspunkte zum Verständnis vieler kinetischer Vorgänge im Metall mit größtem Erfolg herangezogen. Auch hat sie mittels der Elektronentheorie den Aufbau der Atome für das Verständnis der metallischen Bindung und mancher Eigenschaften der Metalle nutzbar gemacht. So hat es sich eingebürgert, von den auf die Grundlagen der Physik zurückgeführten Teilgebieten der Metallkunde von einer "Metallphysik" zu sprechen.

Aber auch andere Gebiete sind durch Anwendung ganz spezieller experimenteller und theoretischer Methoden recht selbständig geworden. Das gilt etwa für die strahlen- und elektronentheoretische Begründung der Strukturforschung, die thermochemische Betrachtung der Legierungsbildung, die atomistische Deutung der Plastizität, des Materietransportes und der Umwandlungen, die elektrochemische Aufhellung der Korrosionsvorgänge und viele andere funktionsspezifische Teilgebiete. In Wirklichkeit handelt es sich dabei noch nicht automatisch um selbständige Wissensgebiete, sondern um eine verstärkte Rückbesinnung auf die allgemeinen und theoretischen Grundlagen der Physik und Chemie.

So war sich die Metallkunde in den ersten 50 jahren des Bestehens der DGM in erster Linie eine auf den Stoff ausgerichtete angewandte Wissenschaft. Ihre Gliederung und Spezialisierung richtete sich vornehmlich nach den verwendeten Methoden und Betrachtungsweisen, nämlich denen der Chemie, der physikalischen Chemie, der Kristallographie, der experimentellen und theoretischen Physik, der mechanischen Technologie.

Stand bis dahin fast ausschließlich der metallische Werkstoff im Mittelpunkt des Interesses, so richtete sich in den folgenden Jahren die Aufmerksamkeit mehr und mehr auch auf die anderen Werkstoffklassen. Die Gründe waren vielfältig: Einerseits stießen die klassischen Metalle in vielen Einsatzbereichen zunehmend an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit, andererseits setzte sich in den 70er Jahren mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass Rohstoffe und Energie nur begrenzt verfügbar sind. Recycling, Substitution, Ökologie, alternative Energien sind einige Stichwörter für neue Herausforderungen an Wissenschaft und Technik. Ein weites Feld der Betätigung öffnete sich, auf dem mit metallkundlichen Untersuchungs- und Fertigungsmethoden neue Wege bei nichtmetallischen Werkstoffen und bei der Kombination von Metallen und Nichtmetallen gesucht wurden. So lösten die Verbundwerkstoffe - zumindest gedanklich - viele Probleme. Wenn auch hier bald fertigungs- und anwendungstechnische Grenzen sichtbar wurden, konnten gerade durch systematische Anwendung metallkundlicher Prinzipien rasch Fortschritte erzielt werden. Ähnliches vollzog sich bei anderen vielversprechenden Werkstoffen, z. B. den Hochleistungskeramiken, die nun in das berufliche Blickfeld vieler Metallkundler traten. Was lag da näher, als die Grenzen der DGM zu erweitern und die werkstoffkundliche Problematik der nichtmetallischen Werkstoffe in das Programm der Tagungen, Fachausschüsse und Fortbildungsveranstaltungen einzubeziehen.

Bereits 1969 wird Karl Löhberg in einem Protokoll zitiert mit den Worten: “Es könnte eine Gesellschaft geschaffen werden, die alle Werkstoffgebiete umfasst.” Zwanzig Jahre danach trugen die Mitglieder der neuen Entwicklung Rechnung: Die Mitgliederversammlung beschloss 1989 auf der Hauptversammlung in Karlsruhe, den traditionsreichen Namen "Deutsche Gesellschaft für Metallkunde" (DGM) umzuwandeln in "Deutsche Gesellschaft für Materialkunde" (DGM), nachdem ein Jahr zuvor bereits die Satzung dem erweiterten Arbeitsgebiet angepasst worden war.

Wie schon bei der Gründung und im weiteren Verlauf ihrer Geschichte passte sich die DGM mit dieser Neuorientierung technisch-wissenschaftlichen Strömungen einerseits und wirtschaftlichen Geboten andererseits an. Dies ist eine der vitalsten Aufgaben einer Fachgesellschaft: Sie muss immer wieder die Identität des Fachgebietes überprüfen und neu definieren. In nur wenigen Jahren haben sich Werkstoffwissenschaft und Werkstofftechnik zu selbständigen Disziplinen von strategischer Bedeutung entwickelt, die weder von den Naturwissenschaften noch von den klassischen Ingenieurfächern “miterledigt” werden können. Mit neuen Werkstoffen und unkonventionellen Herstellverfahren gehören sie zu den potentesten Innovationsfeldern.

Neben den vielen neuen Werkstoffen, die den technischen Fortschritt so vielversprechend beeinflussen, wird zunehmend auch die eigentliche Produktgestaltung als Aufgabe für den Werkstoffingenieur betont. Diese Ansätze werden auch in den staatlichen Förderprogrammen in den Vordergrund gerückt.: Unabhängig von den Werkstoffklassen stehen Anwendungen im Bereich der Energie-, Verkehrs-, Medizin- und Informationstechnik und in noch gar nicht überschaubarem Ausmaß der Umwelttechnologie im Vordergrund. Dabei kommt einer “intelligenten” Prozesstechnik herausragende Bedeutung zu, sei es auf dem Gebiet der Oberflächentechnik, der Verbindungstechnik oder der endkonturnahen Formgebung. Sie sind auf völlig verschiedenen Ebenen der Schlüssel zu den Einsatzmöglichkeiten neuer Werkstoffe z. B. in der Mikrotechnik und Mikroelektronik oder im Bereich der Hochtemperatur-Supraleitung.

Es gehört zu den Merkmalen der DGM, dass sie solche Entwicklungen mit Bedacht und in möglichst breitem Konsens aller Mitglieder angeht. Sie ist hierbei nicht frei von Veränderungen ihres politischen und gesellschaftlichen Umfeldes. Das zusammenwachsende Europa bringt der DGM neue Perspektiven, die vornehmlich in der engeren Kooperation mit anderen Verbänden der europäischen Nachbarn zu sehen sind. Auf Initiative der DGM wurde 1987, gemeinsam mit dem Institute of Metals (UK) und der Société Française de Métallurgie (SFM), die Federation of European Materials Societies (FEMS), gegründet. Ihr Ziel ist, die Zusammenarbeit der Mitgliederorganisationen in Europa zu koordinieren und damit Anerkennung und Unterstützung bei den europäischen Behörden zu erreichen. In der FEMS sind inzwischen 13 meist zur Europäischen Gemeinschaft gehörende Länder vertreten. Im Rahmen der föderativen Struktur der FEMS übernimmt die DGM hier zunehmend Aufgaben und Ämter. In der Amtszeit 1992/93 stellte sie mit Gernot Kostorz von der ETH Zürich den Präsidenten. Darüberhinaus bestehen enge Beziehungen zum Japan Institute of Metals (JIM) sowie zu The Minerals, Metals & Materials Society (TMS) in USA.

Eine weitere politisch bedeutende Entwicklung, die Wiedervereinigung unseres Landes 1990, stellte die DGM vor zusätzliche Aufgaben, die sie mit Elan und Umsicht anging. Seit dem Bau der Mauer im Jahre 1961 hatten die Kontakte zu den Fachkollegen in der damaligen DDR sukzessive abgenommen, und der fachliche Meinungs- und Informationsaustausch war faktisch zum Erliegen gekommen. So gab es vor der Wiedervereinigung nur noch drei DGM-Mitglieder im Ostteil Deutschlands! Danach gelang es der DGM innerhalb kurzer Zeit, die fachliche Kompetenz der Kollegen in den neuen Bundesländern zu integrieren, mehr als vierhundert neue Mitglieder zu gewinnen, Materialfachabende einzurichten und zahlreiche Fachveranstaltungen zu etablieren. Ein anstrengender und zugleich beglückender Abschnitt in der Geschichte der DGM.

Nach wie vor ist das ehrenamtliche Engagement der Mitglieder von existenzieller Bedeutung für die DGM. Das kollegiale, nicht selten freundschaftliche Zusammenwirken vieler Mitglieder untereinander ist förderlich für allle Aktivitäten, seien sie fachlicher, organisatorischer oder gesellschaftlicher Art. Meistens ist diese Verbundenheit in den Teilgebieten ausgeprägter als in der Gesamtheit, doch ist man sich der Vorteile von Synergismen bewusst, die in einer durchgängigen Interdisziplinarität liegen. Das wird deutlich in vielen gemeinsamen Veranstaltungen verschiedener Fachausschüsse und Arbeitskreise. Zudem treffen sich alljährlich die aktiven Mitglieder, die als Leiter von Fachkreisen, Ausschüssen, Metallfachabenden oder Mitglieder des Vorstandes, des Beraterkreises und Kuratoriums zum Meinungsaustausch und zur Standortbestimmung. Dieses Treffen, der sogenannte DGM-Tag, trägt viel zur kontinuierlichen Anpassung der unterschiedlichen Aufgabengebiete an die wechselnden Gegebenheiten bei und schafft ein übergreifendes Verständnis bei der Abstimmung fachspezifischer Details im Gesamtspektrum der DGM. Der DGM-Tag, der 1989 erstmals stattfand, soll auch einen erkennbaren Trend zur Demotivation zur Übernahme ehrenamtlicher Aufgaben entgegenwirken.

Die fachliche und gesellschaftliche Anerkennung spiegelt sich deutlich in der Zunahme von Ausbildungsstätten wider. Während in den Anfängen die Naturwissenschaften, allen voran die Physik und die Physikalische Chemie, zur Metallkunde führten und die technologische Seite weitgehend von der Hüttenkunde abgedeckt wurde, formten sich in den 60er Jahren an mehreren Hochschulorten eigenständige materialwissenschaftliche Fachbereiche und Institute neuen Zuschnitts, die zum Diplom-Werkstoffingenieur ausbilden. Darüberhinaus werden in zahlreichen ingenieurwissenschaftlichen Fachbereichen werkstoffbezogene Studiengänge angeboten. Insgesamt wird heute an über 40 Fachbereichen und über 30 Hochschulen ein breites Spektrum der Materialkunde gelehrt, angefangen bei der Metallphysik bis hin zur Werkstofftechnik (Bild 3). Damit wird dem facettenreichen Gebiet der Materialwissenschaft- und -technik entsprochen und dem hohen Rang einer zukunftsreichen Ausbildung Rechnung getragen.

Werkstoffbezogene Ausbildung in Deutschland: Jedes Kreissymbol repräsentiert einen Fachbereich innerhalb des Dreistoffsystems Werkstoffwissenschaft, Ingenieur-Wissenschaft, Natur-Wissenschaft

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