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Nachruf Prof. Dr. phil. Dr. techn. h.c. mult. Hellmut F. Fischmeister (1927-2019)

Er war einer der bedeutendsten Metallurgen und Materialwissenschaftler des 20. Jahrhunderts: Prof. Hellmut Fischmeister starb am 6. November 2019 im Alter von 92 Jahren. Er prägte, förderte und vertrat unser interdisziplinäres Feld auf europäischer und internationaler Ebene und gründete mehrere erfolgreiche „Schulen“, aus denen zahlreiche wissenschaftliche Nachkommen hervorgegangen sind.

Prof. Dr. phil. Dr. techn. h.c. mult. Hellmut F. Fischmeister (1927-2019)

Hellmut Fischmeister, geboren 1927 in Wien, studierte Physik, Mathematik und Chemie an der Universität Graz. Er promovierte 1951 am Institut von Prof. Otto Kratky, einem Pionier der Röntgenkristallographie. Nach einer Forschungsassistenz an der Universität von Uppsala (Schweden) wurde er Entwicklungsdirektor bei der LM Ericson Telephone Company in Stockholm und anschließend Leiter des neu gegründeten Pulvermetallurgie-Labors bei Jernkontoret, dem Verband der schwedischen Stahlindustrie in Stockholm. 1961 wurde er zum Forschungsdirektor des Edelstahlwerks von Stora Kopparberg in Söderfors ernannt. Anschließend übernahm er an der Chalmers Technischen Hochschule in Göteborg die Gründungsprofessur des neu geschaffenen Instituts für Konstruktionsmaterialien. 1975 entschloss er sich, zusätzlich zu seiner Stelle bei Chalmers, in seine Heimat Österreich zurückzukehren, um die Professur für Metallkunde und Werkstoffprüfung an der Montanuniversität Leoben zu übernehmen. Anschließend nahm er 1981 ein Angebot der Max-Planck-Gesellschaft an, wissenschaftliches Mitglied und Direktor des Instituts für Werkstoffwissenschaft am Max-Planck-Institut für Metallforschung in Stuttgart zu werden, und war gleichzeitig als Honorarprofessor an der Universität Stuttgart tätig. 1995 wurde er aus der Max-Planck-Gesellschaft emeritiert.

Hellmut Fischmeister war wissenschaftlicher Pionier in vielen innovativen Bereichen der Materialwissenschaft. Er erkannte, dass die Schnittstelle zwischen Grundlagen und Anwendungen ein intellektuell hoch stimulierendes Arbeitsfeld darstellte und wurde zum erfolgreichen „Brückenbauer“. "Komplexe Industriematerialien zu verstehen, ist eine wunderbare Herausforderung für die Grundlagenforschung", äußerte er sich einmal in einem Interview. Er war einer der Väter der wissenschaftlichen Pulvermetallurgie, insbesondere im Zusammenhang mit Schnellarbeitsstählen; zu seinen Themen zählten die Mechanismen des Schmiedens, Sinterns und der mechanischen Verdichtung von Metallpulvern. Weitere fruchtbare Arbeitsfelder waren die Mechanik mehrphasiger Werkstoffe, die quantitative Mikrostrukturanalyse, Korrosions- und Oxidationsschutz, Elektronenspektroskopie, das Zähigkeits- und Bruchverhalten, Verbundwerkstoffe, hochauflösende Elektronenmikroskopie, innere Grenzflächen von Werkstoffen, die Ausscheidungskinetik und die Erstarrungsmechanismen - terrestrisch und unter Mikrogravitationsbedingungen. Als vorwiegend experimenteller Forscher hatte er die Gabe, bahnbrechende Modellierungsarbeiten anzustoßen und zu inspirieren: Besonders hervorzuheben ist seine Idee, die Rissausbreitung in kubisch-raumzentrierten Metallen zu simulieren, indem man atomistische Simulation an der Rissspitze mit finiten Elementen im Fernfeld kombiniert.

Hellmut Fischmeister war mit seinem internationalen Hintergrund und seinem weiten Horizont maßgeblich an den Strategien zahlreicher Forschungseinrichtungen und Unternehmen beteiligt. Das Max-Planck-Institut für Metallforschung verdankt ihm seine erfolgreiche Neuausrichtung in den 1980er- und 1990er-Jahren, als es in die Spitzengruppe der weltweit am häufigsten zitierten Materialforschungsinstitute aufstieg. Die deutsche Bundesregierung und die Europäische Kommission haben ihre Förderstrategien nach seinen Empfehlungen gestaltet. Und die Deutsche Gesellschaft für Materialkunde (DGM) profitierte von seiner strategischen Beratung als langjähriges Mitglied ihres Beraterkreises. Hellmut Fischmeister war nach seiner Pensionierung noch weiterhin im Kuratorium des Erich-Schmid-Instituts für Materialwissenschaft und des Materials Center Leoben, im Österreichischen Universitätenkuratorium, im österreichischen Wissenschaftsrat und in der Christian-Doppler-Gesellschaft tätig. In diesen Funktionen trug er maßgeblich zur Weiterentwicklung und zum  Qualitätsbewusstsein der Naturwissenschaften an österreichischen Universitäten und Forschungseinrichtungen bei. Das Unternehmen Böhler Uddeholm verdankt seiner Tätigkeit im Corporate Research Board wichtige Impulse für die Internationalisierung der Forschung.

Hellmut Fischmeister erhielt zahlreiche hohe Auszeichnungen, darunter das Ritterkreuz des Königlich Schwedischen Ordens vom Polarstern, das Deutsche Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse, das Fellowship der American Society for Metals, die Ehrenmitgliedschaft der Société Française de Métallurgie et Matériaux, den Sir Charles Hatchett-Preis, die Plansee-Plakette, den Roland-Mitsche-Preis, die Emil-Heyn-Denkmünze und die Ehrenmitgliedschaft der DGM, die Auslandsmitgliedschaft der Schwedischen Akademie für Ingenieurwissenschaften, die Mitgliedschaft in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Academia Europaea ( London) und der Academia Scientiarum et Artium Europaea (Salzburg) sowie Ehrendoktorwürden der Königlichen Technischen Hochschule KTH in Stockholm, der Technischen Universität Graz und der Montanuniversität Leoben.

Hellmut Fischmeister hat durch sein persönliches Beispiel die Menschen in seiner Umgebung maßgeblich beeinflusst. Eine seiner charakteristischsten Eigenschaften war seine Großzügigkeit: Er war großzügig mit seiner Zeit und seinem Wissen, wenn herausfordernde wissenschaftliche Fragen diskutiert werden sollten. Er war großzügig mit seiner Ermutigung und Inspiration junger Wissenschaftler, deren Unterstützung und Karriereentwicklung ihm immer am Herzen lagen. Es überrascht nicht, dass viele seiner ehemaligen Studierenden und Gruppenmitglieder Professuren an Universitäten, leitende Positionen in der außeruniversitären Forschung und hochrangige industrielle Funktionen innehaben. Hellmut Fischmeister war intellektuell anspruchsvoll und hatte hohe Erwartungen an sein Umfeld. Von ihm lernte man, vermeintlich weit  entfernte Ideen zu kombinieren und komplizierte Fragestellungen zu Ende zu denken. Beim Verfassen gemeinsamer Publikationen konnte man seine unnachahmliche Denk- und Sprachschärfe sowie seine Formulierungskunst kennenlernen. Aber er war ein bescheidener Wissenschaftler, der nichts von "Blendern", "Schaumschlägern" und "Vielschreibern" hielt. Obwohl er in solchen Fällen selten direkte Kritik äußerte, war seine Geringschätzung spürbar.

Hellmut Fischmeister war ein sehr feinfühliger Kommunikator. Er hat stets die Wirkung seiner Worte auf andere bedacht, und es war daher kein Zufall, dass er in der höchsten Schlichtungsstelle der Max-Planck-Gesellschaft tätig war. Sein Arbeitsleben war von einem unbändigen Pflichtbewusstsein gegenüber „der Wissenschaft" geprägt; vielleicht erklärt das auch sein oft unmenschliches Arbeitspensum, für das er sich persönlich kaum schonte. Als (nebenberuflicher) Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Mikrostrukturphysik in Halle war er maßgeblich an der äußerst heiklen Bewertung und Aufarbeitung der politischen Vergangenheit ehemaliger Mitglieder des DDR-Akademieinstituts beteiligt. Sowohl die Max-Planck-Leitung als auch das Institut selbst waren am Ende voll des Lobs für sein besonnenes und faires Vorgehen bei dieser fast unlösbaren Aufgabe.

Sofern es sein dichter Zeitplan erlaubte, konnte man mit ihm auch wunderbar über metaphysische und außerwissenschaftliche Fragen diskutieren. Da ging es um die tiefere Bedeutung der Wissenschaft - die "Freude am Gekonnten, wie beim Spielen eines Musikinstruments" war ihm wichtig - oder darum, wie man seine Schaffenskraft vor dem Alltagsstress und vor zunehmender "Fachidiotie" schützt, etwa durch die Pflege vielseitiger Interessen. Er selbst war äußerst umfassend gebildet, sprach idiomatisch perfekt Englisch und Schwedisch, war ein großer Musikliebhaber, konnte Texte von Wagner-Opern und Shakespeare-Dramen auswendig rezitieren und genoss die Schönheiten der Natur, vor allem in seinen geliebten österreichischen Bergen.

Hellmut Fischmeister war vielen aus unserer Generation Vorbild. Er stand für Tiefgang, Substanz und Integrität („Rechtschaffenheit“ hätte er es wohl genannt) und war ein wahrer Humanist und Menschenfreund. Er hat uns ein Leben in der Wissenschaft vorgelebt, mit der unerschütterlichen Überzeugung, dass gerade dieses besonders lohnenswertes sei. Sein kompromissloses Eintreten für „alte“ Werte fehlt gerade in der heutigen Welt sehr schmerzlich und wird uns allen, die ihn auf seinem Weg ein Stück begleiten durften, Ansporn und Erinnerung bleiben.

Eduard Arzt und Robert Danzer