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Begegnung der Generationen
(Geschichts-Symposium "Werkstoffe und Materialkunde im Ersten Weltkrieg" auf dem DGM-Tag 2014)

Prof. Helmut Maier, Ruhr-Universität Bochum

Als ich in den 1980er Jahren als Ingenieur begann, mich beruflich für die Technikgeschichte zu interessieren, war ich in erster Linie noch fasziniert von den Erfindungsgeschichten großer Männer. Waren sie es doch, die die uns umgebende technisierte Welt maßgeblich mitgestaltet und für Wohlstand und Sicherheit gesorgt hatten. Einigen von diesen Erfindern begegnete ich damals im Rahmen von Zeitzeugeninterviews. Während des Geschichtsstudiums wurde mir dann jedoch klar, dass wirtschaftliche Entwicklung und Innovation von vielen weiteren Faktoren abhängen – denken wir nur an die staatliche Technologiepolitik oder das Verhalten der Konsumenten.

Das Interesse an der Geschichte der eigenen Disziplin wächst proportional mit dem Alter ihrer Mitglieder. Daher laufen die Tagungen der Geschichtsausschüsse der technisch-wissenschaftlichen Vereine immer auch wie große Familientreffen ab, auf denen sich die Ehemaligen wiedersehen. Auch im Geschichtsausschuss in der DGM begegnen sich die Generationen, doch verbindet sich für uns damit ein weiterführendes, wissenschaftliches Interesse. So bilden die Erinnerungen vor allem der Ehemaligen für uns einen wertvollen Schatz, den wir sicherstellen müssen. Als professionelle Technikhistoriker verfügen wir zwar über vielfältige zeitgenössische Quellen wie archivalisches Schriftgut oder Fachzeitschriften. Doch bilden sich in ihnen viele Diskussions- und Entscheidungsprozesse nicht ab, die aber maßgeblich für die uns interessierenden historischen Innovationen waren.

Im Februar dieses Jahres haben wir daher damit begonnen, uns mit den „Old Boys“ zu treffen und Zeitzeugengespräche mit ihnen zu führen. Dabei entfaltet sich ein faszinierendes Bild der Lebensgeschichten der Generation, die noch den Zweiten Weltkrieg miterleben musste. Ihre Erinnerungen sind im Hinblick auf das „Wirtschaftswunder“, die deutsche Teilung und Wiedervereinigung und die dabei spezifischen fachlichen und technisch-wirtschaftlichen Entwicklungen zentral für uns. Und wir gewinnen wichtige Einblicke in die Geschichte der DGM, deren 100. Geburtstag 2019 seine Schatten vorauswirft.

Die Entscheidung, das Thema unserer diesjährigen Tagung mit der 100. Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs zu verbinden, fiel nicht wegen der aktuell überragenden öffentlichen Aufmerksamkeit für das Jahr 1914. Vielmehr sorgte der Krieg auf eine bis dahin nicht gesehene Weise nicht nur für eine Beschleunigung der Werkstoff-Forschung und -Innovation, sondern vor allem auch für ihre Institutionalisierung. So wurde in Deutschland eine Aluminiumindustrie aus dem Boden gestampft, und im Jahre 1917 kam es zur Gründung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Eisenforschung, dem heutigen MPI. Die Gründung des KWI für Metallforschung wurde bereits während des Krieges diskutiert. Die bis 1918 gesammelten Erfahrungen mit „Ersatzstoffen“ – Erfolge und Mißerfolge – bildeten die Grundlage der Disziplinbildung der Metallkunde der 1920er Jahre und gleichermaßen der Anwendung neuer, unkonventioneller Werkstoffe und Verfahren.

Wir hoffen, dass das Thema gerade wegen seiner Bedeutung für die Geschichte der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik auf reges Interesse stößt. Und wir freuen uns auf die Begegnung der Generationen.

 Prof. Helmut Maier. 

Lehrstuhl für Technik- und Umweltgeschichte

Mehr Informationen zum Geschichts-Symposium "Werkstoffe und Materialkunde im Ersten Weltkrieg": http://www.dgm.de/dgm/dgm-tag-nachwuchsforum/php/montag_geschichte.php