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Interviewfragen Praktische Metallographie Dr. Matthias Maurer

Dr. Matthias Maurer wurde am 18. März 1970 in St. Wendel im Saarland geboren. Er studierte an der Universität des Saarlandes Materialwissenschaft und Werkstofftechnik und erhielt 2004 seinen Doktortitel in Materialwissenschaft am Institut für Materialwissenschaft der RWTH Aachen.

1. Welche Gründe haben Sie zu einem Studium der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik bewegt?

Ganz ehrlich gesagt, hatte ich zuvor noch nie von diesem Fach gehört und war nur durch einen großen Zufall hierzu gekommen: Mein eigentlicher Wunsch war Luft- und Raumfahrt zu studieren. Im August 1990 war ich Zivildienstleistender, einberufen für 24 Monate, von 1989 bis Frühjahr 1991. Aufgrund der Wiedervereinigung wurde der Militär-/ und Zivildienst verkürzt und ich dann vorzeitig freigestellt. Das kam sehr überraschend und die Bewerbungsfristen der Universitäten für das Wintersemester waren längst abgelaufen. Die Uni Saarbrücken war einer der wenigen Universitäten, die eine Ausnahme für freigestellte Wehrpflichtige/Zivildienstleistende wie mich machten. Allerdings gab es dort nicht mein Wunschstudium und man riet mir, mit Werkstoffwissenschaften anzufangen, und dann nach einem Jahr die Uni zu wechseln. Nach einem Jahr Hineinschnuppern in das Fach war ich aber dann voll begeistert und beschloss, Werkstoffwissenschaftler zu werden! Ich finde es sehr schade, dass dieses tolle Fach so unbekannt ist!

2. Sie haben sowohl im Saarland, als auch im Vereinigten Königreich, in Frankreich und in Spanien studiert. Welche Bedeutung messen Sie aus heutiger Sicht Auslandserfahrung während des Studiums zu? Inwiefern haben Sie von den verschiedenen Aufenthalten profitiert? 3. Wie haben Sie Ihr Studium, Ihre Promotion, sowie Ihre Arbeit als Wissenschaftler hinsichtlich Ihres späteren Werdegangs geprägt?

Nach dem Grundstudium war ich ein Jahr in England, an der Universität Leeds. Mein Ziel war es, sowohl Fachwissen als auch Sprach- und Kulturkenntnisse zu erwerben. Meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt! Aufgrund dieser überaus positiven Erfahrungen musste ich nicht lange überlegen, als ich von dem neuen 4-nationalen Studiengang in Werkstoffwissenschaften zwischen den Universitäten Saarbrücken (D) – Nancy (F) – Barcelona (E) – Luleo (S) erfuhr. Aufgrund dieser Auslandserfahrung spreche ich nun mehrere Sprachen, habe viel über meine Gastgeberländer, ihre Menschen und ihre Kultur erfahren. Durch meine Erfahrungen „als Ausländer“ habe ich auch mich selbst besser kennengelernt. Diese Jahre haben mich sehr geprägt; ich bin von Herzen ein überzeugter Europäer!
Diese internationale Ausbildung war zweifellos auch ein Schlüsselelement für meine erfolgreiche Bewerbung bei der europäischen Raumfahrtagentur ESA.

4. Wie können Studenten der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik es schaffen, ESA-Astronaut  zu werden? Gibt es Programme, die schon während des Studiums einen Einstieg in die Erforschung von Weltraumtechnologien ermöglichen?

Es gibt viel mehr Menschen, die das Potenzial zum Astronauten/ zur Astronautin haben, als es Fluggelegenheiten gibt. Das ist leider der ganz limitierende Faktor. Von daher lässt sich der Traumberuf Astronaut/in  nicht planen. Aber jeder Ingenieur und Wissenschaftler kann sich auf diesen Beruf bewerben wenn die ESA wieder eine Ausschreibung macht. Jede Zusatzqualifikation ist dann von Vorteil: insbesondere Sprachkenntnisse und internationale / interkulturelle Teamfähigkeit. Ingenieursstudenten können am Astronautenzentrum der ESA ein Praktikum machen und in die Raumfahrt schnuppern. Insbesondere gibt es für Werkstoffwissenschafts-Studenten des o.g. EEIGM Studiengangs die Möglichkeit sowohl Praktikum und Diplomarbeit bei der ESA in Köln zu machen.

5. Wann kam in Ihnen zum ersten Mal der Wunsch auf, als Astronaut zu arbeiten? Welche Kriterien waren Ihrer Erfahrung nach ausschlaggebend, um Ihren Traum zu verwirklichen und sich in dem großen Bewerberfeld durchzusetzen?

2008 hörte ich in der Tagesschau, dass die ESA neue Astronauten einstellt, und es wurde mir schlagartig klar: Das ist genau das, was ich machen möchte! Denn die Astronautentätigkeit verbindet all meine Interessen: Wissenschaft, Technik, die Zusammenarbeit in internationalen Teams und natürlich eine ordentliche Portion Abenteuer.
Die Auswahlkriterien waren entweder ein Studium in Naturwissenschaft, Technik oder Medizin; oder die Ausbildung zum Testpiloten. Darüber hinaus sind Teamfähigkeit und Sozialkompetenz die wichtigsten Eigenschaften, denn ohne sein Team erreicht ein Astronaut überhaupt nichts. Im Hintergrund arbeiten so viele Leute darauf hin, dass man in den Weltraum hochfliegen kann. Außerdem muss man strukturiert, organisiert, lernwillig, kritikfähig und sehr belastbar sein und zu jeder Zeit 150 Prozent geben.

6. Was war Ihre größte Hürde in der Astronautenausbildung und welche Erfahrung würden Sie als die wertvollste bezeichnen?

Ich durchlaufe derzeit ein rund zweijähriges Training. Jeder Tag ist anders und ein kleines Abenteuer in sich. Jede einzelne Erfahrung ist wertvoll und einzigartig: Ich lerne die Grundlagen der Astronautik und wie die internationale Raumstation funktioniert. In einem 10 m tiefen Tauchbecken in Köln, in dem Teile der Raumstation nachgebildet sind, üben wir beim Tauchen das Arbeiten in der Schwerelosigkeit. Denn bei Parabelflügen (welches die einzige Möglichkeit von richtiger Schwerelosigkeit „auf der Erde“ ist) können wir nur 22 Sekunden in der Schwerelosigkeit bleiben – viel zu kurz für ein Training. Wir machen auch Überlebenstrainings im Wasser und in der Kälte, falls die Raumkapsel bei der Rückkehr zur Erde unplanmäßig im Ozean oder zum Beispiel in Sibirien landet. Das meiste ist aber Klassenraumunterricht: Medizinwissen für Notfallhilfe in der Schwerelosigkeit, Physik, Hintergründe zu den Experimenten, die wir im All durchführen werden, Orbitalmechanik – also das Handwerkszeug des Astronauten – und natürlich Sprachunterricht: Ich lerne derzeit Russisch und Chinesisch für die Kommunikation mit den Kollegen an Bord und auf dem Boden Auf der ISS sind Englisch und Russisch die offiziellen Amtssprachen, bei der zukünftigen chinesischen Raumstation wird dies Chinesisch sein.

7. Was wäre Ihr Wunschziel bei einer Mission im All?

Der Mond! Aber eine Reise zur Internationalen Raumstation bzw. zur Chinesischen Raumstation wäre ebenso spannend!

8. Inwiefern können im Weltraum erforschte Technologien auf der Erde genutzt werden?

Es gibt eine Vielzahl von Produkten in unserem Alltag, die aus der Raumfahrt stammen: Aus dem Apollo-Raumfahrtprogramm sind dies insbesondere die schnurlosen Akkugeräte wie der Akkuschrauber, die nun gesetzlich in jedem Haus vorgeschriebenen (weil lebensrettenden!) Rauchmelder, Taschenrechner und Anfänge der Computertechnik, die Wirbelsäule-schonenden feinporigen Tempur-Matratzen; Solarzellen; viele Zeltdachbespannungen von Fußballstadien sind aus dem Material, das für die Apollo Mondraumanzüge entwickelt wurde. Aus der Space Shuttle Zeit stammen werkstoffwissenschaftliche Versuche mit amorphen Metallen. Diese Nasa Patente wurden später von Apple aufgekauft und fließen heute in die Herstellung von Gehäusen moderner Mobilgeräte ein. In jedem Handy steckt mittlerweile ein GPS-Sensor, der eine Navigation mittels Satellitensignal erlaubt. Die Panorama-Foto-Funktion in Handys wurde ursprünglich für den Mars-Rover Curiosity entwickelt.
Die Forschungsergebnisse aus dem europäischen Columbus-Forschungsmodul auf der ISS führten bereits zur Entwicklung und Herstellung moderner, sehr strahlungsarmen Röntgendiagnosegeräten zur Früherkennung von Osteoporose: poröse Knochen ist eine Krankheit, die sehr viele alte Menschen betrifft und das Gesundheitssystem mit enormen Kosten belastet.

9. Die Hauptthemen der „Praktischen Metallographie“ sind die Präparation und Analyse von Mikrostruktur. Welche Bedeutung kommt diesen Prozessen in der Weltraumforschung zu?

Es gibt mehrere werkstoffwissenschaftliche Teststände bzw. Öfen auf der ISS. Leider haben wir jedoch noch keine Möglichkeit metallische oder keramische Proben im Weltraum zu präparieren und zu analysieren. Diese Proben müssen zum Boden zurückgesendet und dort ausgewertet werden.

10. Welche Botschaft möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?

Raumfahrt begeistert und ist spannend! Und in der Raumfahrt steckt viel Potenzial, gerade für die Werkstoff-Forschung. Ich möchte die Leser motivieren, bei ihren Untersuchungen und Experimenten die Möglichkeiten der Schwerelosigkeitsforschung zu berücksichtigen. Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel zum nächsten großen technischen Durchbruch? Forschungsmöglichkeiten im Weltraum sind zwar stark limitiert – bei zunehmender Nachfrage werden jedoch auch neue Kapazitäten zur Verfügung gestellt werden.