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Kuchen auf der Werkstoffwoche

Was sollte ein Schokoladen-Marzipan-Kuchen auf der diesjährigen Werkstoffwoche? Sollte er die Aufmerksamkeit auf die „Materials Science of Food“ lenken, die die Materials Research Society bereits im Dezember 2000 zum Titelthema ihres Bulletins machte? Nein, sollte er nicht. Vielmehr hat der Springer-Verlag damit für ein Buch geworben, dessen Titelseite er als Kuchen nachgebildet hatte: Materialwissenschaft und Werkstofftechnik – Ein Ritt auf der Rasierklinge. Ein Lehrbuch, das so ungewöhnlich ist, wie seine Präsentation.

Der Autor möchte Abiturienten anregen, Materialwissenschaft und Werkstofftechnik zu studieren, er möchte Studieneinsteigern technischer Fachrichtungen helfen, sich auf diesem vielfältigen Gebiet zu orientieren, und er möchte einer breiteren Öffentlichkeit bewusst machen, dass Werkstoffe nicht nur vergangene Epochen geprägt haben, sondern dass „Hightech“, auf die wir heute tagtäglich und überall angewiesen sind, höchstens eine reizvolle Idee wäre, die ohne neue Werkstoffe niemals hätte zünden können. Damit verfolgt er Anliegen, denen sich auch die DGM verschrieben hat.

Dazu unternimmt er mit dem Leser eine Erkundungstour durch die Vergangenheit und Gegenwart der Herstellung und Nutzung von Werkstoffen, und zwar entlang dem Entwicklungsweg einer uralten, jedem vertrauten Kulturtechnik, der Nassrasiertechnik - vom Steinschaber bis zum Hightech-Rasiergerät. Dabei lernt der Leser, wie der Umgang des Menschen mit Werkstoffen vom Handwerk zur Industrie und schließlich zu einer eigenständigen Wissenschaft geworden ist und wie Werkstoffe ganze Epochen geprägt haben. Er begegnet im Laufe dieser Exkursion Forschern und Unternehmern, die diesen Weg in zielstrebiger, oft mühevoller Arbeit erschlossen haben, und einigen, die ihn heute weiterführen.

Der Autor vermeidet dabei eine unpersönlich-distanzierte, belehrende Wissensvermittlung. Er spricht den Leser vielmehr direkt an und erschließt mit ihm anhand von Beispielen sehr anschaulich materialwissenschaftliches und werkstofftechnisches Grundwissen, das notwendig ist, um zu verstehen, wovon die Eigenschaften von Werkstoffen abhängen, wie man sie prüfen und gezielt beeinflussen kann. Und er demonstriert, dass es nicht allein von seinen Eigenschaften abhängt, ob ein neuer Werkstoff in der Industrie angewendet wird, sondern dass dazu bei seiner Entwicklung von vornherein auch andere Kriterien sowie mögliche Risiken zu bedenken sind.

Der Autor, Klaus Urban, ist gelernter Werkstoffingenieur der Dresdner Schule, promovierter Hochschulpädagoge und Wissenschaftsökonom. Er hat die Entwicklung unseres Fachgebietes über Jahrzehnte hinweg in verschiedenen Positionen der Wissenschaftsadministration aktiv begleitet. Auf lockere Weise lässt er dabei Erlebtes und Erfahrenes in sein Buch einfließen. Am Ende glaubt man ihm, dass die Materialwissenschaft und Werkstofftechnik für ihn das faszinierendste Wissenschaftsgebiet ist, das er sich denken kann – eine wichtige Voraussetzung, um vor allem junge Leute dafür zu begeistern. So wie der Springer-Kuchen die Besucher der Werkstoffwoche, die ihn genossen haben.