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Liebe Mitglieder und Freunde der DGM, liebe Leserinnen und Leser,

was ist spannender an der Geschichte der DGM – das ewige Ringen um die Steigerung der Mitgliederzahlen? Das Fanal der drohenden Spaltung und die Debatten um die geeigneten Lösungen? Oder nicht doch eher das Erwachen des europäischen Gedankens in der bis in die 1960er Jahre noch weitgehend national ausgerichteten Gemeinschaftsarbeit?

Im Unterschied zur historischen Analyse, die die relevanten Fakten zusammenstellt und in den zeitgenössischen Kontext einordnet, kann ein Editorial Meinung zum Ausdruck bringen. Von daher darf – ja muss – im Lichte der Europa-Wahl Ende Mai 2019 noch einmal an die Mühsal der DGM-Protagonisten erinnert werden, das Misstrauen unter den Nachbarländern zu überwinden.

Der spätere DGM-Vorsitzende Werner Köster, langjähriger Direktor des Kaiser-Wilhelm/ Max-Planck-Instituts für Metallforschung und Motor der Neugründung der DGM 1947, trug maßgeblich dazu bei, die „Funkstille“ nach Frankreich zu überwinden. „Es ist ganz eigenartig, wie schlecht die Beziehungen zwischen den deutschen und französischen Gesellschaften sind, während umgekehrt die Beziehungen zwischen den englischen bzw. amerikanischen und deutschen Gesellschaften recht gut sind“, schrieb Köster 1952. „Ich persönlich bin Mitglied beim Institute of Metals, beim Iron and Steel Institute, bei der Amer. Soc. of Metals und beim AIME. Dagegen habe ich nicht die geringste Beziehung zu irgendeiner französischen Gesellschaft.“

Bis zur ersten großen gemeinsamen Versammlung der DGM mit ihrer französischen Schwester „Société Française de Métallurgie“ (SFM, heute SF2M) sollte es zwar noch bis zum Jahr 1966 dauern. Doch genau diese vorsichtigen Anfänge bildeten den Ausgangspunkt des langen Weges bis zur Gründung der „Federation of European Materials Societies“ (FEMS) Anfang 1987. Und hätte sich Werner Köster 1952 träumen lassen, dass die SF2M ab 2004 mit Jean-Marie Welter sogar einen Vertreter in den DGM-Vorstand entsandte?

Ein Blick auf die nunmehr 100-jährige Geschichte unserer Gesellschaft zeigt also auch, wie wichtig ein offenes und verbündetes Europa nicht nur für Materialwissenschaft und Werkstofftechnik ist. Ich halte dies für die vielleicht bedeutendste Errungenschaft der Nachkriegszeit.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine anregende und fruchtbare Lektüre unseres Newsletters.

Ihr
Prof. Dr. rer. nat. Helmut Maier
Ruhr-Universität Bochum
Leiter DGM-Fachausschuss Geschichte