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„Meine Diss. sollte nicht verstauben“. Christian Rockenhäuser im Gespräch

Christian Rockenhäuser ist Physiker. Aber sein Wissenschaftlerherz schlägt für die Brennstoffzellenforschung und für Aluminium. Jetzt eröffnet er mit seiner Dissertation die neue Buchreihe „MatWerk“ der DGM und des Springer Verlags. Ein Gespräch über Elektronenmikroskopie und Materialforschung – und über Lust am Studium und Freude im Beruf.

 

Herr Rockenhäuser, als Physiker haben sie Ihre Promotion materialwissenschaftlich ausgerichtet. Was fasziniert Sie an Materialwissenschaft und Werkstofftechnik?

Zunächst einmal: Dass es für die Forschung meist einen direkten Mehrwert gibt. Man schaut sich bestimmte Materialien oder Werkstoffe an, deren Eigenschaften man verbessern will, ohne dass andere wünschenswerte Eigenschaften leiden. Das ist meist eine ganz einfache Fragestellung, hinter der aber eine höchst komplexe Problematik steht.

Da kann die Physik mit ihrem grundlegenden Verständnis von Strukturen und Materie viel dazu beitragen, diese Eigenschaften von Werkstoffen zu verbessern. In meinem Fall sind das Phasenbildung und Kationeninterdiffusion von Festelektrolyten für Brennstoffzellen, die ich unter dem Elektronenmikroskop untersucht habe.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich im Studium materialwissenschaftlich zu orientieren?

Das hatte mit der Entdeckung meiner Lust am Experimentieren und Mikroskopieren zu tun. Und weil die Elektronenmikroskopie eine gute Methode ist, um Werkstoffe intensiv zu untersuchen, hat das gut gepasst. Auch fand ich gut, dass man bei der Materialwissenschaft nicht ewig auf Ergebnisse warten muss. Man schaut sich eine Sache an, überlegt, wie es funktionieren könnte – und merkt sehr schnell, ob’s funktioniert oder nicht.

Darüber hinaus hat mich auch das große Spektrum an verschiedenen Werkstoffarten gereizt, die man untersuchen kann. Und die vielen Untersuchungsmethoden selbst. Da gibt es ja nicht nur die Elektronenmikroskopie, sondern die unterschiedlichsten Möglichkeiten, die ineinandergreifen. Da muss man dann ständig über den eigenen Tellerrand schauen und berücksichtigen, was die Anderen mit ihren Methoden machen.

Für meinen persönlichen Karriereweg war mir wichtig, dass man mit einer materialwissenschaftlichen Perspektive sehr flexibel ist. Man kann an der Uni und in der Forschung bleiben, aber auch in die Industrie gehen und in der direkten Anwendung einen Mehrwert produzieren. Diese Flexibilität fand ich ganz angenehm. Das ist auch etwas, was mich zur Materialwissenschaft gezogen hat.

Wurden Ihre Erwartungen also erfüllt?

Unbedingt! Es ist diese Kombination von verschiedenen Tätigkeiten, die Spaß macht. Natürlich muss man auch am Rechner sitzen, um Literatur zu recherchieren und Daten auszuwerten. Aber man ist auch im Labor, wo man Materialien trennt und schleift und so ein bisschen herumbastelt. Dann die Arbeit am Elektronenmikroskop, dieser riesigen, eindrucksvollen Maschine. Und dann das schöne Gefühl, wenn man sieht: Es klappt.

Geklappt hat es dann ja auch mit Ihrer Dissertation ...

... und dann auch noch als Erster in einer neuen MatWerk-Reihe! Bei der Veröffentlichung hat mir der Kontakt zur DGM sehr geholfen, die mir von meiner Doktormutter Dagmar Gerthsen empfohlen wurde. Da bin ich sehr froh.

Was bedeutet es für Sie, in der neuen Reihe „MatWerk“ bei Springer zu publizieren?

Zum einen erhoffe ich mir mehr Sichtbarkeit. In manchen Fällen verstauben Dissertationen in der Physik ja als PDFs auf irgendeinem Uni-Server oder in irgendeinem Dekanat. Meine Diss. sollte aber nicht verstauben. Und sie sollte in einem Umfeld erscheinen, in dem die Herausgeber als weitere materialwissenschaftliche Experten noch einmal drübergucken und bestätigen, dass das gut ist, was man gemacht hat.

Außerdem finde ich es gut, dass meine Ergebnisse in einer Buchreihe erscheinen, die nicht nur von Leuten wahrgenommen wird, die ständig „peer reviewed scientific papers“ lesen, sondern vielleicht auch von Anwendern aus der Industrie.

Wobei sie bei der Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung ja schon einen neuen Arbeitgeber gefunden haben!

Ja - ich wollte unbedingt im MatWerk-Bereich bleiben. Und da habe ich geschaut, dass mir das auch gelingt.

Jetzt untersuche ich nanometergroße Ausscheidungen, die für die Härte einer Aluminiumlegierung verantwortlich sind, wie sie unter anderem für Turbolader und im Flugzeugbau Verwendung findet. Diese Ausscheidungen werden im Laufe der Jahre immer gröber, sodass die Alu-Teile an Härte verlieren. Bei der BAM beobachte ich unterm Elektronenmikroskop, wie sich diese Ausscheidungen über die Zeit bei verschiedenen Temperaturen verändern. Am Ende soll dann ein Lebensdauermodell stehen, das präziser als das bisherige ist.

Wenn Sie Ihren bisherigen Karriereweg Revue passieren lassen: Haben Sie alles richtig gemacht?

Auf jeden Fall. Ich würde alles wieder genauso machen.

 

Christian Rockenhäuser (Jahrgang 1983) studierte Physik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und an der Heriot-Watt University in Edinburgh. Am KIT forschte er zu Materialien für Hochtemperatur-Festelektrolyt-Brennstoffzellen, bevor er zur Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung (BAM) überwechselte. In der neuen MatWerk-Reihe von Springer-Verlag und DGM erschien 2015 als erster Band seine von Prof. Dagmar Gerthsen am KIT betreute Dissertation über „Elektronenmikroskopische Untersuchungen von Interdiffusion und Phasenbildung an Gd2O3/CeO2- and Sm2O3/CeO2-Grenzflächen“ (auf englisch).

Materialwissenschaftlich interessierten Promovenden empfiehlt Rockenhäuser, die Zeit zum Zusammenschreiben ihrer Ergebnisse nicht zu unterschätzen – und rät zu einem möglichst frühen Praktikum in der Industrie, um ein Gespür für die Anwendungsseite zu bekommen: „auch Physikern, in deren Studienordnung so etwas ja meist nicht vorgesehen ist.“ Sein eigenes Praktikum absolvierte Rockenhäuser im Bereich organischer Solarzellen bei Bosch.

Link zur Veröffentlichung von Herrn Rockenhäuser: hier 

Link zur MatWerk Reihe: hier

Kontaktdaten Springer Verlag: