Artikel

Nachruf Prof. Dr. rer. nat. habil. Gunter Leonhardt, Chemnitz

Die Deutsche Gesellschaft für Materialkunde trauert um ihr Mitglied Prof. Dr. rer. nat. habil. Gunter Leonhardt, der am 21. Dezember 2014 nach schwerer Krankheit im Alter von 75 Jahren verstorben ist. Prof. Bernhard Wielage (TU Chemnitz) und Prof. Heinrich Kern (TU Ilmenau) erinnern sich in einem Nachruf an ihren verdienten Kollegen und Freund.

 

Gunter Leonhardt, geboren am 05.04.1939 in Chemnitz, fand nach seiner Schulausbildung in Chemnitz sein großes Interesse zunächst an der Chemie, später an den Werkstoffen, insbesondere den Verbundwerkstoffen und der Werkstoffanalytik. So sah und bearbeitete er eine Vielzahl von zu lösenden wissenschaftlichen Fragestellungen. Er promovierte 1969 am Institut für Physikalische Chemie der Universität Leipzig zum Dr. rer. nat mit dem Thema: „Zur theoretischen Interpretation röntgenspektroskopischer Untersuchungen an Verbindungen der 3D- Übergangsbereiche“ und konnte in der Folge als wissenschaftlicher Oberassistent seine Forschungsaktivitäten weiter umsetzen.

Seine wissenschaftlichen Arbeiten lagen zunächst in der Elektronenspektroskopie und den Anwendungsmöglichkeiten. 1978 folgte seine Promotion B (Dr. sc. nat./ Dr. rer. nat. habil.) mit dem Thema: „Informationsgehalt der Röntgen - und Photoelektronenspektren von binären Festkörpern – ein Beitrag zur Theorie der chemischen Bindung in Festkörpern“. Hier entwickelte er neue Lösungsansätze bei der Untersuchung chemischer Bindungen und der Elektronenstruktur in Festkörpern mittels ESCA, die noch heute wichtige Voraussetzungen für die Bewertung von Grenzflächen in Verbundwerkstoffen darstellen. 1979 wechselte er an die Akademie der Wissenschaften nach Berlin, wo er auf dem Gebiet der Oberflächenphysik arbeitete. Zusätzlich nahm er 1981 von Berlin aus einen Ruf zum Honorardozenten für Physikalische Chemie in Leipzig an. Bereits zwei Jahre später erfolgte seine Ernennung zum Professor für Festkörperphysik an der Akademie der Wissenschaften der DDR.

1985 führte ihn sein Weg zurück in seine Geburtsstadt Chemnitz, wohin er einem Ruf als ordentlicher Professor auf den Lehrstuhl „Werkstoffwissenschaft“ der Sektion Chemie und Werkstofftechnik der Technischen Universität Chemnitz folgte. Hier begann er, das neu geschaffene Lehr- und Forschungsgebiet „Verbundwerkstoffe“ systematisch aufzubauen und zu etablieren. Er legte damit den Grundstein für die heute in der mobilen Welt vielfach eingesetzten Faserverbundwerkstoffe, insbesondere den Einsatz von C-Fasern als Verstärkung von Metallen und Polymeren. Die Umsetzung dieser damals jungen Technologie war zukunftsweisend für die Verbundwerkstoffe.

So sah er schon damals eine wesentliche Aufgabe darin, die Optimierung von faserverstärkten Verbundwerkstoffen für den späteren Einsatz voranzutreiben. Dazu richtete er sein Augenmerk auf die Formkörperherstellung, die Prozessentwicklung und Prozessoptimierung sowie die Charakterisierung der verstärkten Leichtbauverbundwerkstoffe. Dabei standen sowohl die Charakterisierung des elektrochemischen Verhaltens von MMCs als auch die Klärung von Fragen zum Einfluss der Grenzfläche auf das Festigkeitsverhalten im Mittelpunkt. Hier sind neben den verstärkten Metallen und Polymeren auch die verstärkten Keramiken zu nennen, die heute in vielfacher Hinsicht im mobilen Leichtbau zum Einsatz kommen.

Im Zuge der politischen Umgestaltung 1989/1990 wurde der Fachbereich Werkstoffe mit den Lehrstühlen Oberflächenschutztechnik und Verbundwerkstoffe gegründet. Prof. Leonhardt begleitete in Folge verschiedene herausragende Ämter. So war er Leiter der Sektion Chemie und Werkstofftechnik der TU Chemnitz und Leiter des Fachbereichs Werkstoffe. Von 1992 bis 1995 übernahm er die Gruppe Forschung und Entwicklung bei der VTD Vakuumtechnik Dresden GmbH. Dort widmete er sich der PVD- Beschichtungstechnologie. Seit 1995 führte er als geschäftsführender Gesellschafter die Firma ProCon GmbH in Chemnitz, in der er sich sowohl mit innovativer Werkstoffentwicklung auf den Gebieten der Verbundwerkstoffe und Werkstoffverbunde als auch mit den Fertigungstechnologien und deren Einsatz beschäftigte.

Von 1992 bis 2003 leitete Prof. Leonhardt den Gemeinschaftsausschuss Verbundwerkstoffe (GAV) und war an der Ausrichtung mehrerer Tagungen „Verbundwerkstoffe und Werkstoffverbunde“ der DGM beteiligt.

Neben den wissenschaftlichen Tätigkeiten und der engen Verbundenheit mit der DGM hat sich Prof. Leonhardt in besonderer Weise für den internationalen Austausch eingesetzt und eine Reihe von Projekten mit ausländischen Partnern auf den Weg gebracht. Seine letzte Ruhestätte fand Prof. Leonhardt in seiner Heimatstadt Chemnitz-Harthau. Wir werden sein Andenken in Ehren halten und schließen seine Familie in besonderer Weise ein.

Bernhard Wielage / Heinrich Kern