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Simon Bettscheider schickt Grüße aus Oregon

Liebe, Freunde, Familie, Bekannte, Kommilitonen, Kollegen und Leser,

Nachdem ich während meines Heimatsbesuchs über Weihnachten nicht die Zeitlichen Ressourcen hatte, alle von euch zu Gesicht zu bekommen, möchte Ich euch nun doch ein Lebenszeichen senden und euch mit Neuigkeiten versorgen.

Ich bin seit vier Monaten an der Oregon State University in Corvallis in den USA.  Nachdem ich drei Jahre Materialwissenschaft und Werkstofftechnik in Saarbrücken an der Universität des Saarlandes studiert habe, studiere ich hier zusammen mit drei  Saarbrücker Kommilitonen im vierten Jahr Maschinenbau.

Für alle, die gerade keine Zeit zum Weiterlesen haben: mir geht es sehr gut und Oregon ist ein schönes Plätzchen. Die Arbeit an der Uni ist viel, macht aber auch sehr viel Spaß! Besonders das Arbeiten an unserem Studenten-Rennwagen ist eine spannende Sache.

Im Sommer komme ich wieder zurück nach Deutschland–vielleicht gibt es bis dahin noch eine weitere Rund-Mail.

Herzliche Grüße aus Oregon,

Simon

Oregon – Wo ist das eigentlich? & Das Leben in Corvallis.

Corvallis ist eine gemütliche Studentenstadt im Bundesstaat Oregon. Das liegt zwischen Washington (dem Bundesstaat, nicht Washington D.C.) und Kalifornien. Der Ort hat 50.000 Einwohner, auf die 30.000 immatrikulierte Studenten kommen. Leben lässt es sich hier daher auch sehr gut. Kürzlich wurde der Ort vom American Institute for Economic Research als drittbeste College Town in den USA bewertet.

 

Was mich sehr an Corvallis und Oregon überrascht hat, ist, dass es gar nicht meinen typischen Vorstellungen von Amerika und den Vorurteilen über das Land entspricht. Die Menschen hier sind zum Beispiel überaus umweltbewusst, es gibt einen Flaschenpfand von 5 Cent, die Busse in Corvallis sind alle kostenlos, der gesamte Campus ist ein rauchfreier Campus und ich sehe hier in einer Woche mehr Elektro- und Hybridautos, als ich in Deutschland in einem ganzen Jahr gesehen habe. Vergleicht man die Lebenseinstellungen und Werte der Menschen in Oregon mit denen der Menschen in Texas und Deutschland, haben Deutschland und Oregon vermutlich mehr gemein als Oregon und Texas. Dazu passen auch die unheimlichen vielen deutschen Nachnahmen wie Schwendemann, Weitzman, Grutzmacher und viele mehr, die einem ins Auge bzw. ins Ohr springen.

Ich wohne an der Ecke der 7ten Straße und der Madison Avenue – das ist zwischen Campus und dem Stadtkern am Fluss in einer schönen, alten Stadtvilla, die der Kirche nebenan gehört. Wir haben sogar einen Flügel im Eingang stehen, eine große Küche und zwei Wohnzimmer inklusive Fernseher. Die Miete ist für Corvallis und vor allem für das tolle Haus recht günstig und im Gegenzug erwartet die Kirche, dass wir zwei Stunden Freiwilligenarbeit pro Woche leisten. Ich helfe sonntags in der Suppenküche der Kirche. Neben mir wohnen noch vier Amerikaner und drei Vietnamesen im Haus und trotz der vielen Leute ist es ruhig und zum Wohnen sehr angenehm.

Corvallis ist überschaubar. Mit dem Fahrrad bin ich in fünf Minuten von der Haustür im Hörsaal. Gegenüber meinem Uni-Weg von Riegelsberg auf den Saarbrücker Campus ist das absoluter Luxus, den ich sehr genieße. Durch die Uni gibt es überaus viele Sportangebote auf dem Campus und in Corvallis. Es gibt ein riesiges Fitnesscenter mit Geräten, Schwimmbad, Pool, Sauna, Sporthallen, fünf Footballfelder und eine Indoor-Footballhalle.  Alles steht den Studenten kostenlos (also in den Studiengebühren inbegriffen) zur Verfügung.

 

Ich spiele im Uni-Team Ultimate Frisbee. Die Sportart wurde vor rund 30 Jahren von amerikanischen Studenten entwickelt. Es wird sieben gegen sieben auf das Footballfeld gespielt und Punkte werden erzielt, indem die Frisbee in der gegnerischen Endzone gefangen wird. Da mit der Frisbee in der Hand nicht gelaufen werden darf, sondern Yards nur durch Pässe gemacht werden können, ist das Spiel unglaublich schnell und macht mir viel Spaß.

Selbstverständlich ist auch der Hochleistungssport an der Oregon State University fester Bestandteil der Uni-Kultur. Für fast alle Sportarten von Golfen über Segeln bis zu Rudern gibt es professionelle Teams. Für die Football-Spiele kommen Menschen und Familien aus der ganzen Umgebung ins 45.674 Fans-fassende Stadion, das also fast so viele Plätze wie Corvallis Einwohner hat. Die Stimmung bei den Spielen der Beavers – so heißt unsere Mannschaft – ist ausgezeichnet. Ich bewundere, wie es amerikanischen Universitäten gelingt, ihre Studenten, Mitarbeiter aber auch einfach Bewohner der Region mit so viel Stolz gegenüber der eigenen Uni zu füllen. Der „School Spirit“ ist überall zu spüren und die Loyalität zur eigenen Uni immens. Während ich in Saarbrücken noch niemanden in einer Kneipe mit Uni-Saarland-T-Shirt gesehen habe, ist das hier mit den Beavers-Shirts Gang und Gebe. 

 

Die Uni

Abgesehen von der Zeit meiner Bachelorarbeit habe ich noch nie so viel für die Uni geschafft wie das letzte Trimester hier. Im Unterschied zu Deutschland, wo man als Student während des Semesters im Lernprozess weitestgehend auf sich selbst gestellt ist und eigenverantwortlich studiert, hatte ich hier in allen Fächern wöchentlich Hausaufgaben auf. Das hat den großen Vorteil, dass man gezwungen ist, auch während des Semesters am Ball zu bleiben, und den Nachteil, dass der Arbeitsaufwand schnell übermäßig groß wird. Während es in Deutschland darum geht, zum Zeitpunkt der Klausur Wissen oder Fähigkeiten abrufen zu können, wird hier mehr Wert auf geleistete Arbeit gelegt. Wieviel Zeit ich zum Bestehen eines Fachs in Deutschland aufwende, kann ich selbst entscheiden, während dies hier zum großen Teil vorgegeben ist. Hingegen hat die Endklausur hier in keinem der Fächer mehr als 30% der Punkte ausgemacht. Das heißt, ich hätte die Klausur teilweise nicht mitschreiben müssen und das Fach aufgrund der Arbeit während des Trimesters trotzdem bestanden. Das aktuelle Trimester habe ich ein Projekt weniger und anstatt 18 amerikanischer Credit Points 15 belegt (das ist der Durchschnitt, um in Regelstudienzeit zu studieren), so dass es bisher auch ein gutes Stück entspannter als letztes Trimester ist.

 

Der Unterricht und Inhalt der Vorlesungen und Übungen ist praktischer als in Saarbrücken und gleicht vermutlich eher dem Unterricht an einer deutschen Fachhochschule. Das mag natürlich auch daran liegen, dass Maschinenbau per se technischer und weniger wissenschaftlich ausgelegt ist als Materialwissenschaft und Werkstofftechnik. Dennoch ist die Art des Lehrens grundsätzlich etwas anders. Im Fach „Introduction to Design“ haben wir zum Beispiel in kleinen Teams Roboter entwickelt, die einen Parcours durchfahren sollen. Dabei haben wir durch learning by doing den Design-Prozess kennengelernt, wie er auch in Unternehmen zum Lösen von Problemen und Entwickeln von Produkten eingesetzt wird. Die Erfahrung hat mich bereichert und ich habe durch dieses Projekt in diesem einen Fach unheimlich viel gelernt.

Das Rennauto

Die Bachelorarbeit ist im Gegensatz zu meiner Saarbrücker Arbeit keine wissenschaftliche, sondern ebenfalls eine praktische Arbeit und heißt Senior Design Project. Ich arbeite im Formula Student Team der Uni. Formula Student ist eine Serie von Studentenwettkämpfen in den USA, Deutschland, Großbritannien, Spanien, Italien, Ungarn, Österreich, Japan, Brasilien und Australien. Die Rennwagen sind etwas kleiner als echte Formel-1-Wagen, aber immer noch groß genug um von einem Fahrer gesteuert zu werden. Die Oregon State University hat eine Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Ravensburg (DHBW Ravensburg), woraus sich unser Team-Name „Global Formula Racing“ herleitet.

 

Wir bauen zwei Rennwagen: einen mit Verbrennungsmotor, der in Corvallis Zusammengebaut wird, und einen mit Elektromotor, der in Ravensburg bzw. Friedrichshafen zusammengebaut wird. Genau wie in einem internationalen Konzern findet die Entwicklung beider Autos an beiden Standorten, also auf zwei Kontinenten und in zwei Zeitzonen, statt und läuft zudem für ein Studententeam überaus professionell ab. Das ist sicherlich eines der Erfolgsgeheimnisse des Teams (wir sind gerade Weltranglistenerster) und führt dazu, dass mir die Arbeit unheimlich viel Spaß macht.

Ich bin Teil des Karosserie-Teams. Diese bauen wir in einem sogenannten Sandwich-Aufbau bestehend aus einer inneren Haut aus Carbon (kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff), einer Honigwabenstruktur aus Aluminium in der Mitte und abschließend noch mal einer äußeren Haut aus Carbon. Das macht die Karosserie bei recht hoher Stabilität extrem leicht, so dass das Auto insgesamt wendig wird und schneller um enge Kurven gefahren werden kann.

Was genau meine Aufgabe dabei ist, erkläre ich euch mit der nächsten Post.